Auf der Flucht: Einfach nur noch müde und erschöpft

Thu 08 Oct 2015

[caption id="attachment_467" align="alignleft" width="300"] Herr Amandi und seine Familie aus Syrien. Er ist Elektriker. Ihr Haus wurde durch eine Bombe zerstört.[/caption] Nach über einer Woche auf dem Flüchtlingstrek will ich nur noch eins: Schlafen. Das Fliegen, die langen Arbeitszeiten und der ständige Ortwechsel gingen nicht spurlos an mir vorbei. Kurz vor dem Transitlager in Gevgeli (Gevgelija) in Mazedonien habe ich schlechte Laune, will einfach nur noch gemütlich irgendwo ganz für mich allein einen Kaffee trinken. Da kommt Herr Amadi mit einem Kleinkind auf dem Arm auf mich zu. Er wirkt, als hätte er einen Marathon hinter sich. Sein Gesicht ist grau und eingefallen, seine Kleidung schmutzig. Als er die Bushaltestelle an der mazedonisch-griechischen Grenze erreicht, sinkt er ins Gras. Auf den Müll um ihn herum achtet er nicht. Hinter ihm folgt seine Frau mit zwei weiteren kleinen Kindern. „Wir sind nur noch müde. Haben seit Tagen nicht geschlafen“, sagt Herr Amadi.  Die Strapazen sind Amadi und seiner Frau ins Gesicht geschrieben. „Unser Boot ist bei der Überfahrt gekentert und unsere beiden Kleinsten fielen ins Wasser. Ich kann nicht gut schwimmen…“ Seine Erschütterung ist immernoch groß. Die Durchhaltekräfte der Eltern mit kleinen Kindern rühren mich besonders [caption id="attachment_470" align="alignright" width="300"] Flüchtlinge auf den letzten Metern zum Transitlager bei Gevgeli in Mazedonien an der griechischen Grenze.[/caption] Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, was in dem Mann vorgeht. Schlagartig schäme ich mich meiner eigenen Schwäche. Jammere ich doch seit Tagen, weil ich zu wenig Schlaf bekomme. Doch im Gegensatz zu all den Leuten hier, habe ich weder die Verantwortung für Kinder, noch muss ich unsichere Transportmittel nutzen. Ich werde überall abgeholt von jemandem, der wenigstens Englisch spricht und schlafe jeden Abend in einem warmen Bett. Trotzdem sind all diese Menschen dankbar - selbst über eine kleine Tüte Gummibären für die Kinder. [caption id="attachment_472" align="alignleft" width="300"] Viele Frauen und Kinder sind unter den Flüchtlingen. Wie sie diese Strapazen überstehen ist mir ein Rätsel.[/caption] Ich staune immer wieder welche Widerstandskräfte der Mensch entwickeln kann. Wie Eltern über sich hinaus wachsen können und wie sogar kleine Kinder verstehen, dass sie sich anpassen müssen. Klagen hört man niemanden Dann ist der Bus abfahrbereit. Familie Amadi rafft eilig die wenigen Habseligkeiten zusammen, die ihnen geblieben sind und besteigt den Zug. Jetzt werden sie für drei Stunden ausruhen können. Ich sehe an diesem Tag viele Familien, wie die Amadis. Sie alle sind erschöpft, aber klagen höre ich niemanden. [caption id="attachment_477" align="alignright" width="300"] Die Menschen stehen aufgereiht und warten auf den Zug, der sie an die serbische Grenze bringen soll.[/caption] Im Durchgangslager Gevgeli stinkt es bestialisch. Die Toiletten sind nicht mehr benutzbar, obwohl sie jeden Tag gereinigt werden. Überall liegt Müll herum und mitten drin Menschen, die in Schlangen aufgereiht auf einen Zug oder Bus warten, der sie von der griechisch-mazedonischen weiter zur serbischen Grenze bringen wird. Es ist ein seltsames Gefühl, sie so aufgereiht zu sehen. Schutz bietet das überforderte Camp den Menschen nicht mehr Ich frage mich mal wieder: „Wie um alles in der Welt, waschen sich die Leute? Wo baden sie ihre Kinder? Wo gehen sie zur Toilette? Alltägliche, normale Dinge werden auf der Flucht plötzlich zu einem Problem. Das nur kalte Wasser, das heute Früh aus meiner Dusche kam, war für mich schon ein halber Weltuntergang. [caption id="attachment_479" align="alignleft" width="300"] Regen und Kälte kommen zu der beschwerlichen Flucht hinzu.[/caption] Plötzlich fängt es an zu regnen. Nicht nur ein bisschen, sondern gleich so, dass wir innerhalb kurzer Zeit nass bis auf die Haut werden. Es ist das erste Mal, dass wir das erleben. Es verändert alles. Das Camp verwandelt sich in eine matschige Woodstock-Kulisse ohne Musik. Die in Schlangen aufgereihten Kinder, Frauen und Männer, die oft nur mit einem T-Shirt bekleidet sind, fangen sofort an zu frieren. Suchen Schutz. Aber für so viele Leute gibt es den nicht im Camp Gevgeli. „Hier kommen aktuell jeden Tag  bis zu 7000 Flüchtlinge an. Das Camp ist dafür einfach nicht ausgelegt und die Stadtverwaltung, aber auch UNHCR, sind mit der Situation überfordert“, sagt mir der Nothilfe-Koordinator der SOS-Kinderdörfer Zoran. Er sagt das nicht, um Schuldige zu suchen. Denn er fügt hinzu: „Diese Krise ist einmalig. Bei vorangegangenen Flüchtlingskrisen hatten wir es meist mit Binnenflüchtlinge zu tun, die innerhalb des Landes flohen oder maximal in die Nachbarländer. Doch diesmal ist es anders. Sie fliehen durch viele Länder.“ Jede Minute kann es weiter gehen [caption id="attachment_481" align="alignright" width="300"] Nothilfe-Koordinator Zoran und ich am Zug in Gevgeli während die Menschen einsteigen.[/caption] Ich begreife. Die Hilfsgüter, die am Straßenrand liegen, wurden nicht achtlos weggeworfen. Die Flüchtlinge konnten sie nur einfach nicht mehr tragen. Hier gelten die üblichen Praktiken nicht. Die Menschen sind nur auf der Durchreise. Sie bleiben nirgendwo länger als ein paar Stunden. Wenn es unbedingt sein muss, auch einen Tag. Das heißt für Hilfsorganisationen wie uns, dass wir unsere Hilfe den Umständen anpassen müssen. [caption id="attachment_483" align="alignleft" width="300"] Mehr als eine Tasche oder Decke können die Menschen auf der langen Strecke nicht tragen. Viele brauchen ihre Arme auch, um die Kinder zu tragen.[/caption] Eltern geben ihre Kinder nicht in temporären Kitas ab, um sich auszuruhen, wenn sie genau wissen: Jede Minute kann es weiter gehen. Spielzeug für Kinder hat keine Priorität, wenn es nur zusätzlichen Ballast bedeutet. Natürlich nehmen Eltern Decken gerne an, um ihre Kinder vor der Kälte zu schützen. Wenn sie sich aber mit Wasser vollsaugen, sind sie im doppelten Sinne untragbar für die Weiterreise. „Wir haben seit Beginn unserer Nothilfe viel gelernt“, erklärt Zoran mir. „Wir agieren jetzt mehr wie ein Fast-Food-Drive-In. Verteilen Babymilch, Pampers, Hygieneartikel etc. zum Sofortverbrauch bei Ankunft und nicht wie zuvor bei der Abreise.“ Die kommende Kälte ist wie eine unvermeidliche Drohung „In Kürze werden wir in den Lagern in Mazedonien Container errichten, wo sich die Familien aufwärmen, ausruhen und die Kinder spielen können. Wir wissen, dass das alles nicht viel ist, aber viel mehr können wir für sie auf der Durchreise nicht tun.“ [caption id="attachment_485" align="alignright" width="300"] Die Zelte der UNHCR in Gevgeli reichen für die vielen Menschen nicht aus und bieten auch keinen Schutz vor der Kälte.[/caption] Ich blicke noch einmal zu den Menschen, die Rettungsfolien über sich haltend, durch das Camp zu ihrem nächsten Zug, Bus oder Taxi ziehen. Sie tun mir Leid. Wenn ich in meinen dicken Klamotten schon friere, wie muss es ihnen gehen? Zoran fängt meinen Blick auf und fügt besorgt hinzu: „Ganz ehrlich Katharina, wir sind alle nicht vorbereitet auf das, was kommen wird.“ Er meint damit den Winter und die voraussichtlich noch steigende Anzahl vor Krieg fliehender Menschen.

Von Stern

Quelle: http://blogs.stern.de/helferininnepal/einfach-nur-noch-muede-und-ersch...

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